Deutschland hat im Eurovision Song Contest (ESC) total abgestunken. Eigentlich nenne ich den ESC ja lieber „Grand Prix d’Eurovision de la Chanson“ oder Grand Prix, denn damit bin ich aufgewachsen. Ich möchte aber nicht nur in der Vergangenheit schwelgen, denn damals war nicht alles so toll wie das häufig dargestellt wird.

Was mich ein bisschen genervt hat an den diesjährigen Kommentaren vor und nach dem ESC sind diese ständigen Entschuldigungen, dieses Fingerzeigen („die anderen sind blöd, deswegen gewinnen wir nicht!“) und Erklärungen suchen für ein Phänomen, das meines Erachtens einfach gar keines ist.

Die bösen Osteuropäer

Eine ziemlich beliebte Ausrede, warum Deutschland dieses und die letzten Male beim ESC auf die Schnauze geflogen sind, ist der Fingerzeig auf die bösen Osteuropäer, die sich gegenseitig eingekauft und Stimmen zugeschanzt haben. Es ist natürlich bequem sich einen „Schuldigen“ zu suchen – immerhin gab es ja gar nichts zu meckern am deutschen Beitrag *hust*….

Komischerweise fällt aber niemandem auf, dass Deutschland der Türkei schon seit Jahren 8, 10 oder 12 Punkte zuschanzt – sind die Stimmen auch gekauft? Ja, ich weiß, das waren ja gar nicht die Deutschen, die diese Punkte verteilt haben, sondern die in Deutschland lebenden Türken. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese Punkte im Namen von Deutschland vergeben werden. Also, ist Deutschland maßgeblich dafür verantwortlich (=schuld), dass der ESC vor einigen Jahren in der Türkei stattgefunden hat?

Und wie sieht es mit anderen Ländern aus? Wohnen da nicht evtl. auch Türken, Kroaten, Serben, Griechen, Albaner, usw.? Für wen die wohl ihre Stimme abgeben…

Natürlich wählen diese Menschen den Beitrag ihres Heimatlandes. Schließlich ist der ESC ein Wettbewerb zwischen verschiedenen europäischen Ländern (OK, Israel kann man jetzt nicht wirklich als europäisches Land bezeichnen). Es geht darum, dass ein Land das andere beim Singen und Darbieten schlägt. Was da in den Köpfen der Leute passiert, die dann die Macht haben darüber zu entscheiden, ist doch logisch. Durch den Wettbewerbscharakter unterstützt der ESC Gruppenbildung, und jeder schließt sich einer Gruppe an. Manche versuchen wirklich, sich der Gruppe mit dem (subjektiv) schönsten Lied anzuschließen, andere schließen sich der Gruppe nach Volkszugehörigkeit an und wieder anderen ist es egal solange sie nicht zur Gruppe XYZ gehören… Kurzum, ist der ESC das Paradebeispiel für Ausleben von Gruppenidentitäten. Und wenn man schon die Nationen- und Länderebene wählt, um die Lieder vorzustellen, dann liegt es nahe dass die Menschen sich auch mit ihrem Land, ihrem Lied identifizieren. Ist ja auch so gewollt.

Warum dann irgendwelche Deutschen hinstehen und sagen: „Das ist ungerecht!“, entzieht sich vollkommen meinem Verständnis. Vielleicht sollten auch einfach mal ein paar Deutsche mehr auswandern, dann hätten die die Möglichkeit aus dem Ausland entsprechend zu reagieren.

Am besten gar nicht mehr teilnehmen

Dann gibt es ja noch diejenigen, die so angepisst sind dass sie von einer weiteren Teilnahme gänzlich absehen wollen. Es kann ja schließlich nicht angehen, dass Deutschland den Löwenanteil an Kosten trägt und dann nie gewinnt…

Für alle diejenigen nochmal zum Mitschreiben: Das Ganze heißt „Song Contest“ und nicht „Song Winner-Is-The-One-Who-Paid-For-This“. So traurig es ist. Ganz unter uns: Das würde doch kein Schwein mehr schauen wenn wir alle wüssten, dass Deutschland gewinnt, weil es die Veranstaltung bezahlt hat. Dann doch lieber Musikantenstadl.

Früher war alles besser

Mitnichten. Wer mir jetzt erzählt, früher hätte Deutschland „öfter“ gewonnen hat schlichtweg einen Sprung in der Schüssel. Wie oft hat denn Deutschland wirklich gewonnen?????? NUR EIN EINZIGES MAL!

Wer mir jetzt erzählt, dass das trotzdem besser war als jetzt kennt die Platzierungen nicht, die Deutschland früher eingenommen hat. Klar, da waren einige beeindruckende zweite und dritte Plätze dabei. Auch ein Stefan Raab hat einen ordentlichen fünften Platz hingelegt. Aber dann gab es genauso gut Plätze 15. oder 16. So eine schlechte Platzierung wie dieses Jahr gab es tatsächlich nur einmal bisher – und das war Gracia vor ein paar Jahren. Neben der miserablen Darbietung gab es damals aber im Vorfeld einen Skandal um dieses Lied, weshalb die negative PR wohl durchaus seinen Teil zur schlechten Platzierung beigetragen hat.

Warum mir die Leute jetzt erzählen wollen, früher hätte Deutschland so toll abgeschnitten und jetzt nicht mehr kann ich auch nicht nachvollziehen. Lebt ihr in irgendeiner Traumwelt, oder was raucht ihr so?

Die Punktevergabe war früher gerechter

Ganz früher konnte man ja als Otto Normalverbraucher gar nicht seine Stimme abgeben, sondern war auf eine zentrale Jury angewiesen, die dann mehr oder minder objektiv bewertet hat, welches Lied das beste war.

Nun bestand so eine Jury zwangsläufig auch nur aus Normalsterblichen, die möglicherweise durchaus was von Musik verstanden haben (der eine oder andere), aber ansonsten so ziemlich subjektiv geurteilt haben wie es eben nur geht. Politische Entscheidungen oder sonstige Machenschaften waren da auch eher die Regel. Außerdem ist es einfacher, eine Jury zu bestechen als die komplette Nation, die sich erst ans Telefon hängen muss um die Entscheidung zu treffen.

Wenn ich mir überlege, wer heute möglicherweise in so einer Jury landen könnte, dann wird mir ganz Angst und Bange. Dieter Bohlen, Dee, Nina Hagen, oder sonstige Gestalten, die ich mir jetzt lieber nicht vorstellen möchte. Ein Dieter Bohlen mag ja was vom Musikgeschäft verstehen, von Musik selber hat er aber keine Ahnung…

Wie gewinnt man?

Die Frage ist natürlich berechtigt. Wie hat den Russland dieses Jahr gewonnen? Sie haben sich ein Lied von Timbaland produzieren lassen und berühmte Geiger und Eiskunstläufer auf die Bühne gestellt. Das Lied war ja eigentlich nur noch nebensächlich.

Wie hat die Ukraine es auf den zweiten Platz geschafft? Titten und Arsch, würde ich jetzt mal sagen, aber ob das so stimmt? Auf Griechenland trifft das ja durchaus auch ein bisschen zu mit ihrem dritten Platz.

Auf der anderen Seite – und da muss ich (leider) wieder auf Dieter Bohlen verweisen – kann man ja auch einfach dafür sorgen, dass auch andere Volksgruppen meinen Beitrag mit Punkten versehen. Und das kann z.B. so machen, wie Dieter Bohlen es vorgeschlagen hat: schickt Linda Teodosiu. Die ist griechischer Abstammung und würde 100% viele Stimmen aus Griechenland, Zypern, evtl. Albanien und Bulgarien kassieren. Schickt jemand mit einem ethnischen Hintergrund, der nicht sauber „deutsch“ ist und lasst das Lied von irgendeinem berühmten Heini-seinem-Azubi abmischen. Klar, das kostet Geld… aber wer gewinnen will… ;)